Die Alleskönner

[Süddeutsche Zeitung vom 23.10.2010, V2/9]

Die Alleskönner
von Marlene Weiss

Physiker gelten als Vorzeige-Generalisten. Nur ein Viertel von ihnen arbeitet im angestammten Beruf – doch auch die anderen haben Erfolg

Oliver Plohl mag seine Arbeit – sehr sogar. Bei einem Münchner Unternehmen entwickelt er Modelle, die Banken verwenden, um Kreditausfallrisiken einzuschätzen. “Damit habe ich es perfekt getroffen”, sagt der 34-Jährige. “Das ist quasi VWL-Grundlagenforschung, das macht mir Spaß.” Enzyklopädisches Wirtschaftswissen braucht er nicht für seine Tätigkeit, aber Sinn für Zahlen, solide Programmierkenntnisse und die Fähigkeit, sich schnell in neue Gebiete einzuarbeiten. Daher findet er, dass sein Job gut zu seiner Ausbildung passt: Als Physiker hat er das schließlich gelernt. Auch wenn es nicht jeder so glücklich trifft: Solche Karrieren sind unter Physik- Absolventen nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. Laut einer aktuellen Studie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) arbeiten 75 Prozent aller Physiker nicht in ihrem Fach – und sind oft dennoch durchaus erfolgreich. “Physiker landen überall; oft in Versicherungen, in der Finanzbranche oder in Ingenieurbüros”, sagt Lutz Schröter von der DPG.

Auch Schröter selbst ist es so ergangen: Der promovierte Physiker arbeitet hauptberuflich bei Volkswagen im Controlling. Unter seinen Kollegen sind viele Physiker, sie arbeiten Seite an Seite mit den Ingenieuren. Ein Physiker sei dabei eher für die Grundlagen zuständig, während ein Ingenieur oft Pragmatiker sei: “Beide zusammen machen ein gutes Team aus”, sagt Schröter.

Auch wegen ihrer vielseitigen Einsetzbarkeit sind die Chancen für Physiker auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor gut. Die DPG geht davon aus, dass jährlich branchenübergreifend etwa 4900 Stellen frei werden, für die auch Physiker infrage kommen. Und der spezifische Bedarf an Physikern soll noch steigen, bis 2028 voraussichtlich von derzeit 2500 auf 3600 im Jahr. Auch die Gehaltsaussichten sind erfreulich. Zehn Jahre nach dem Examen verdienten Absolventen des Jahrgangs 1997 durchschnittlich 71 600 Euro im Jahr, 7300 Euro mehr als der akademische Durchschnitt.

Schon als Oliver Plohl sein Physikstudium begann, sah er sich nicht zwangsläufig bis zur Rente im Labor stehen. “Ich bin davon ausgegangen, dass ich damit auch einen anderen Job ausüben kann”, sagt er. Und spätestens gegen Ende des Studiums war er sicher, dass er lieber in der Wirtschaft als in der reinen Forschung arbeiten wollte.

Trotzdem machte er nach dem Diplom noch eine Doktorarbeit, auch, um noch einige Jahre von der Unabhängigkeit in der akademischen Welt zu profitieren. Damit ist es jetzt vorbei; er hat weniger Freiheit und nicht mehr unbegrenzt Zeit, um an der perfekten Lösung für eine Fragestellung zu feilen. Aber Plohl gefällt das – schließlich kommen so auch schneller Ergebnisse heraus.

Es gibt jedoch auch Physiker, die an dieser Umstellung scheitern. “Wir haben schon erlebt, dass Wissenschaftler diesen Kulturschock nicht verkraften, das ist eine Typfrage”, sagt Egbert Schark, Geschäftsführer und Mitgründer bei der Unternehmensberatung D-Fine in Frankfurt. Die naturwissenschaftliche Prägung ist ein Markenzeichen des Unternehmens: 80 Prozent der etwa 300 Berater bei D-Fine sind Physiker oder Mathematiker – auch Schark selbst hat am Genfer Forschungszentrum Cern und in Mainz in Atomphysik promoviert.

An Physikern schätzt Schark, dass sie technisches Verständnis und analytisches Denken mitbringen, das nötige Fachwissen eigneten sie sich meist schnell an. So kann D-Fine seinen Kunden eine Komplettbetreuung anbieten, von der strategischen Beratung bis hin zur fertigen IT-Umsetzung des Risikomanagements – die naturwissenschaftlich geschulten Mitarbeiter sind Alleskönner.

Voraussetzung seien jedoch gute kommunikative Fähigkeiten und die richtige Einstellung, sagt Schark: “Der Kunde hat für sein gutes Geld Anspruch auf eine gute Dienstleistung.” Und das bedeute eben auch, im festgelegten Zeitrahmen fertig zu werden und die Vorgaben des Kunden zu akzeptieren. Nicht allen Physik-Absolventen, die direkt von der Universität kommen, fällt das leicht.

Und die anderen? Knapp sieben Prozent der Physiker in Deutschland, auch das hat die Studie der DPG ergeben, arbeiten als Dozenten und Professoren an Hochschulen; weitere zehn Prozent sind als wissenschaftliche Mitarbeiter, Doktoranden oder in verwandten wissenschaftlichen Berufen tätig. Sie schätzen meist die relative Freiheit und die intellektuelle Herausforderung, die ihnen die Forschung bietet. Aber wer sich für eine Karriere in der Forschung entscheidet, sollte wissen, worauf er sich einlässt: “Dass es so hart sein würde, hätte ich nicht gedacht”, sagt der Physiker Martin Krüger, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Nach der Promotion war er jeweils für einige Jahre auf Postdoc-Stellen im Ausland, jetzt hat er eine Assistenzprofessur – befristet. Was danach kommen soll? Krüger weiß es nicht. “Einen permanenten Job zu bekommen, ist das Schwerste, im Nachhinein war alles andere kein Problem”, sagt er. Aber feste Stellen sind rar, zumal in den vergangenen Jahren vor allem befristete Positionen ähnlich seiner jetzigen geschaffen wurden: Mit Fördermitteln des Bundes entstanden etwa allein zwischen 2002 und 2004 circa 800 Juniorprofessuren, mit denen jungen Wissenschaftlern der Einstieg in die Forschungskarriere erleichtert werden sollte, etwa die Hälfte davon im naturwissenschaftlichen Bereich. Hinzu kommen Stipendien für Nachwuchsforscher wie das Emmy-Noether-Programm.

Doch reguläre Professuren sind nach wie vor knapp. Laut dem Bundesbericht zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses werden auch in Mathematik und Naturwissenschaften jährlich imMittel etwa doppelt so viele Forscher habilitiert wie neu auf Professuren berufen werden, “wobei der Ausstieg aus der angestrebten wissenschaftlichen Karriere für diejenigen, die nicht berufen werden, mit erheblichen Problemen verbunden ist”, wie es in dem Bericht heißt. Trotzdem will Martin Krüger nicht jammern, denn er liebt sein Fach und die wissenschaftliche Arbeit. “Für mich war immer klar, dass ich Forschung in der Physik machen möchte, das hat mich einfach am meisten interessiert.” Darum hat er die Entscheidung für das Physikstudium trotz allem nie bereut. Und damit steht er nicht allein: Der Anteil der Physik-Absolventen, die sich auch einige Jahre nach dem Abschluss wieder für ihr Fach entscheiden würden, liegt gemäß der DPG-Studie bei 87 Prozent – mehr als bei allen anderen Fachrichtungen.

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