Gleichstellung in der MPG

[MaxPlanck Journal 2/2012]

„Das Thema Gleichstellung ist im Aufwind“

Nach 16 Jahren im Amt zieht Marlis Mirbach Bilanz über ihre Arbeit für die Stärkung der Frauen in der MPG

Die promovierte Chemikerin, die einst am Gmelin-Institut für anorganische Chemie und Grenzgebiete der MPG arbeitete, übernahm 1996 das neu geschaffene Amt als Zentrale Gleichstellungsbeauftragte. Nun geht sie in Ruhestand.

MaxPlanckJournal: Frau Mirbach, nach 16 Jahren im Amt legen Sie nun Ihre Arbeit in der Generalverwaltung ad acta. Was ist das für ein Gefühl?

Frauenanteil in der mpg

14 Jahre liegen zwischen gelben und blauen Balken, die Marlis Mirbach in ihrem Abschlussbericht dokumentierte. Eine jüngst vom Senat der MPG beschlossene Selbstverpflichtung wird für weitere Steigerungen sorgen. Danach soll bis Ende 2016 der Anteil an Wissenschaftlerinnen auf Ebene der Beschäftigtengruppen E13 bis E15Ü und auf Ebene der Vergütungsgruppen W2/W3 jährlich um je einen Prozentpunkt steigen.

Marlis Mirbach: Ach, eigentlich ein gutes. Haben wir doch – da schließe ich die Gleichstellungsbeauftragten in den Instituten ein – etliche Dinge erreicht, die den Frauen in der MPG zugutekommen. Die Stimmung auf unserem Jahrestreffen Mitte März war viel zuversichtlicher als 2011. Dazu hat sicher der Besuch des Generalsekretärs beigetragen. Herr Kronthaler hat zugesagt, sich dafür einzusetzen, dass die in den Gleichstellungsgrundsätzen festgeschriebenen Mitwirkungsrechte der Beauftragten mit Leben erfüllt werden. Tatsächlich reden sie nämlich bei allen personellen, organisatorischen und sozialen Maßnahmen mit, die die Gleichstellung von Frauen und Männern betreffen. Das umfasst praktisch alle Bereiche. Auch in die Zielvereinbarung, die zur zweiten Re-Auditierung zur Vergabe des Zertifikats als familiengerechte Forschungsorganisation an die MPG aufgestellt wurde, hat die Stärkung der Gleichstellungsbeauftragten Eingang gefunden.

MPJ: Werden Sie das Thema Gleichstellung weiter verfolgen?

Mirbach: Nach 16 Jahren im Amt, bei einem Thema, in dem man immer hart kämpfen musste, um kleine Veränderungen zu erreichen, wird man schon ein bisschen mürbe. Es freut mich, dass das Thema Gleichstellung derzeit im Aufwind ist und sich in den Köpfen von Wissenschaft und Verwaltung etwas tut. Trotzdem habe ich mir vorgenommen, in meiner Freizeit etwas Abstand zu gewinnen. Ich möchte viel reisen.

MPJ: Haben Sie sich die Arbeit so anstrengend vorgestellt, als Sie die Tätigkeit übernahmen?

Mirbach: Ja, schon. Nach fast 20 Jahren Tätigkeit als Wissenschaftlerin in einem experimentellen und damit hierarchisch geprägten Fach wusste ich, was auf mich zukommt. Auch wenn ich keine spezielle Ausbildung vorzuweisen hatte. Aber wer hatte das schon, es gab ja keine. Alle Kolleginnen in den außeruniversitären Forschungsorganisationen sind da damals irgendwie reingerutscht. Alle gehen nun in Rente. Die erste Generation der Gleichstellungsbeauftragten tritt ab.

MPJ: Wie sind Sie die neue Aufgabe angegangen?

Mirbach: Der Weg für mehr Chancengleichheit in der MPG war ein Stück weit bereitet: Gesamtbetriebsrat und GV hatten 1991 eine Studie zur Beschäftigungssituation von Frauen und Männern in Auftrag gegeben, und der Wissenschaftliche Rat hatte sowohl den Arbeitsausschuss zur Förderung von Wissenschaftlerinnen eingesetzt als auch ein Forscherteam beauftragt, Karrierehindernisse für Frauen zu identifizieren und Verbesserungsoptionen aufzuzeigen. Ich habe zunächst mit der damaligen Generalsekretärin Barbara Bludau den Frauenförderrahmenplan aufgestellt, 1998 stimmte dem der Senat zu. Darin waren Frauenbeauftragte für die Institute und Zielvorgaben zur Erhöhung der Frauenanteile in den Vergütungsgruppen festgeschrieben.

MPJ: Wurden die Ziele denn erreicht?

Mirbach: Eher schlecht als recht. Da fand ich es hilfreich, dass es zum ersten Mal eine Generalsekretärin gab, denn Frau Bludau wollte etwas für die Frauen tun. Als ich vorschlug, den Familienservice als Betreuungsvermittlung für alle MPG-Beschäftigten zu engagieren, war sie sofort dafür. Später haben wir erreicht, dass er sogar aus öffentlichen Mitteln finanziert werden durfte. Da hatte die MPG eine echte Vorreiterrolle; ich bin oft darauf angesprochen worden.

MPJ: Auch das Minerva-FemmeNet ist eine Erfolgsgeschichte.

Mirbach: Das stimmt. Zehn Jahre existiert das Mentoring-Netzwerk jetzt – sicher auch, weil die MPG eine hauptamtliche Koordinatorin finanziert. Es wurde von Barbara Legrum initiiert, die als technische Assistentin und Gleichstellungsbeauftragte im MPI für Biophysik arbeitete. Sie hat Doktorandinnen an ehemalige Wissenschaftlerinnen vermittelt, damit sie sich über Karriereoptionen austauschen – einfach so, ohne Auswahlkomitee. Dieser freie Zugang ist heute noch Markenzeichen. Schließlich kann jede Frau Perspektiven für ihre Zukunft brauchen.

MPJ: Das gilt ja sicher auch für die Frauen auf den Stellen des W2- Minerva-Programms, oder?

Mirbach: In der Tat, aber genau das wird teilweise zum Problem. Das Förderprogramm hat angefangen mit fünf Stellen speziell für Gruppenleiterinnen, die sich fünf Jahre lang für leitende Tätigkeiten qualifizieren sollen. Das war ein erster Lichtblick, da man damals die Wissenschaftlerinnen auf einer C3- Stelle an einer Hand abzählen konnte. Heute gibt es aber über 30 Stellen in dem Sonderprogramm. Solange Frauen Sonderstellen haben, gibt es keine Gleichbehandlung. Um mehr Frauen auf reguläre Stellen zu berufen, muss ein Umdenken stattfi nden. Bei den Berufungsverfahren verändert sich zumindest die Diskussion, auch dank der jüngeren Direktorinnen. Aber es muss noch viel mehr gezielt nach Frauen Aussicht gehalten werden.

MPJ: Mittlerweile gibt es doch extra Gleichstellungsbeauftragte aus dem Kreis der Wissenschaftlerinnen in den Sektionen …

Mirbach: … ja. Die MPG hat hier, nachdem sie diese Mitwirkung an Berufungen unter Verweis auf das Kriterium der Exzellenz der Wissenschaft jahrelang zurückgestellt hatte, eingelenkt. Ich glaube, das ist zu ihrem Vorteil. Nicht zuletzt die Stellungnahmen von selbstbewussten Sektionsgleichstellungsbeauftragten haben dazu geführt, dass die Abläufe der Rekrutierungsverfahren überdacht werden. Zu einem frühen Zeitpunkt eingebunden zu sein, nämlich – was derzeit im Raum steht – in den Perspektivenkommissionen, wäre ein großer Schritt nach vorn.

MPJ: Das ist wohl nötig, wenn man die neue Selbstverpflichtung der MPG erfüllen will, oder? Wie schwer wird das?

Mirbach: Man muss sich Mühe geben. Das wird kein Selbstläufer, obwohl das Ziel, den Anteil der Wissenschaftlerinnen jährlich um einen Prozentpunkt zu steigern, nicht einmal so ambitioniert ist. Allen Frauen kann ich nur sagen: Engagieren Sie sich. Die Geschichte der Frauenbewegung zeigt, dass Ihnen auf dem Weg zur Gleichstellung nichts geschenkt wird. Ich stand oft zwischen allen Stühlen und habe versucht, den Spielraum, der sich auftat, möglichst optimal zu nutzen. Trotz mancher Frustration muss ich sagen: Am Ball geblieben zu sein hat sich gelohnt.

Das Gespräch führte Susanne Beer

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