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Doktor Wenn und Doktor Aber

Ein scharfsinniger Essay zur universitären Welt, in der das Prinzip Guttenberg systemimmanent geworden ist, in der “inzwischen 98 bis 99 prozent allerakadmischen Textproduktion in der […] Erwartung des parteillen oder völligen Nichtlesens verfasst werden.”

[aus: Der Spiegel, 49/2011]

Doktor Wenn und Doktor Aber

Die Figur des Hochstaplers gehört ins Zentrum der modernen Kultur. Von Peter Sloterdijk

Man darf unterstellen, Thomas Mann hätte sich im Stillen ganz außerordentlich über die Affäre erheitert, die im Februar 2011 die Bundesrepublik erschütterte, als man einem damaligen deutschen Minister, einem gewissen Herrn zu Guttenberg, eine beeindruckende Fülle von unmarkierten Übernahmen langer und kurzer fremder Textstücke in seiner Dissertation zu einem verfassungsrechtlichen Gegenstand nachwies. Er hätte sich sicher fürstlich amüsiert bei dem Gedanken, dass ein Mann mit einem so gutentwickelten Krull-Faktor es bis an die Spitze des Verteidigungsministeriums eines mächtigen Landes bringen konnte; eines Landes, dessen Armee noch ein gutes halbes Jahrhundert zuvor die Welt in Furcht und Schrecken versetzt hatte. Ja, der aktuelle Krull war gerade rechtzeitig ins Amt gekommen, um in Übereinstimmung mit der außenpolitischen Lage der Nation die Truppen zu verkleinern und um im Einklang mit dem Geist der Zeit auch für Soldaten im Kampfeinsatz den fälligen Übergang zu postheroischen Orientierungen zu vollziehen.

[…]  Volltext: Der Spiegel, 49/2011

Man müsste sehr naiv sein, wollte man annehmen, dass die Studierenden und Lehrenden von heute beim Betreten einer Universität aufhörten, Kinder ihrer Zeit zu sein — und die Zeit weist alle Merkmale eines Trainingslagers für krullsche Subjektivitäten auf. Der akademische Raum kann sich hiergegen nicht einfach immunisieren. Es gehört zu den Feinheiten der deutschen Hochschulsprache, dass sie das Ansammeln von beglaubigten Leistungen im Lauf eines Studiums geradeheraus als Scheinerwerb bezeichnet — was insofern als terminologisch wertvoller Hinweis zu würdigen ist, als zwischen einer authentischen Kompetenz, was immer das sein mag, und einer umfassenden Simulation derselben Kompetenz kein essentieller Unterschied nachzuweisen ist. Man könnte dies an einigen bekannten Beispielen von falschen Ärzten illustrieren, die jahrelang täglich mit gutem Erfolg schwierigste Operationen durchführten, bis sich eines Tages herausstellte, dass sie hierzu nicht qualifiziert waren.

Um die spezifische Differenz des akademischen Plagiats von allen sonstigen Fällen der Missachtung “geistigen Eigentums” zu erfassen, muss man die unverwechselbare Eigenart der akademischen Prozeduren in den Blick nehmen. In äußerer Sicht erscheint die universitäre Welt als ein Biotop, das auf die Hervorbringung von zumeist bizarren und durchweg unpopulären “Textsorten” spezialisiert ist. Die reichen von Seminarreferaten und Semesterarbeiten über Diplomarbeiten, Magisterarbeiten und Examensarbeiten bis hin zu Dissertationen und Habilitationsschriften, um von den Gutachten, den Forschungsanträgen, den Memoranden, den Struktur- und Entwicklungsplänen und dergleichen nicht zu reden: allesamt textuelle Gewächse, die ausschließlich im Binnenklima der Akademia gedeihen — hochalpinen Kriechpflanzen vergleichbar, die jenseits der Baumgrenze überleben und die in der Regel einer Umpflanzung ins publizistische Flach- und Freiland nicht fähig sind. Die Gesamtleistung der akademischen Schriftsachenproduktion besitzt einen schlechterdings unfassbaren Umfang, sie hat geradewegs Tsunami-Charakter — um die zurzeit plausibelste Massenmetapher zu benutzen. Mit ihrem jährlichen Output von Milliarden und Abermilliarden bedruckter Seiten stellt sie einen paradoxen Tsunami vor, der keine sichtbare Küste überschwemmt, sondern ausschließlich im Inneren der intellektuellen Institution tobt, von der Mitwelt so gut wie unbemerkt.

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