Tag Archives: Wissenschaftszeitvertragsgesetz

Die Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes

[20. Dezember 2015 von Leonard Burtscher in SciLogs]

In den letzten Jahren wurde aber deutlich, dass diese Ausnahme der Qualifizierungsbefristung in der Wissenschaft zur Regel wurde und fast nur noch befristete Beschäftigungen übrig waren. Laut Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2013 (eine vom BMBF geförderte Studie) waren 2010 lediglich ungefähr 10% aller wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unbefristet beschäftigt. Laut Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft haben etwa die Hälfte dieser Stellen eine Vertragslaufzeit von unter einem Jahr. Bei diesem Ausmaß (90%) und dieser Enge (50% weniger als 1 Jahr) der Befristungen ist mittlerweile den meisten Beteiligten klar, dass dies nicht besonders dienlich ist für den wissenschaftlichen Fortschritt, im Gegenzug aber die Lebensverhältnisse der “Nachwuchs”-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler stark beeinträchtigt.

Am Donnerstag wurde also die Novellierung beschlossen und das ändert sich nun konkret:

  1. Das wissenschaftsunterstützende Personal wird zukünftig vom WissZeitVG ausgenommen werden. Das heißt, Laboranten, Technikerinnen und andere, die nicht auf dem Weg zur Professur sind, können in Zukunft nicht mehr nach WissZeitVG befristet werden. Sie können aber freilich immer noch befristet beschäftigt werden nach Teilzeit- und Befristungsgesetz (aber nur für zwei Jahre) oder wenn sie nur für ein Projekt arbeiten und danach nicht mehr benötigt werden. Man wird sehen müssen, ob das wirklich zu mehr Stabilität für diese Personengruppe führt. Ich bin aber mal vorsichtig optimistisch.
  2. Das WissZeitVG rückt nun wieder mehr die Qualifikation in der Vordergrund und verlangt, dass die Vertragslaufzeit so bemessen wird, dass die beabsichtigte Qualifikationsstufe auch tatsächlich erreicht werden kann. Für Promotionen heißt das wohl, dass der erste Vertrag auf mindestens 3-4 Jahre befristet werden muss und nicht mehr wie derzeit üblich auf 1 Jahr. Ob er für spätere Qualifikationsstufen (die nicht so einfach definiert werden können) auch hilft, wird sich zeigen. Die Gewerkschaft und die LINKE befürchten, dass die Regel missbraucht wird und zum Beispiel die Organisation einer Konferenz als Qualifikationsstufe ausgelegt werden kann. Dann wären weiterhin Ultrakurzzeit-Verträge von etwa einem halben Jahr möglich. Hier wollten die Gesetzgeber den Unis und Forschungseinrichtungen Flexibilität lassen, was im Prinzip gut ist. Man wird nun genau hinschauen müssen, ob das Gesetz seine Wirkung entfalten kann, oder ob es weiterhin missbraucht wird.
  3. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind heutzutage über Drittmittelprojekte (z.B. der DFG) angestellt, die immer nur befristet vergeben werden. Hier gelten viele Regeln des WissZeitVG gar nicht (z.B. gilt die Höchstbefristungsdauer von 6 Jahren nach der Promotion nicht für solche Stellen und eine Garantie auf Weiterbeschäftigung nach Elternzeit gibt es auch nicht). Immerhin wurde nun geregelt, dass Verträge aus Drittmittelprojekten nun so lange dauern sollen, wie das Projekt dauert.

Ich bin froh, dass diese Novelle nun beschlossen worden ist, und denke, dass sie den jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Deutschland ein bisschen mehr Sicherheit auf ihren Karrierewegen geben wird. Alle Probleme wird sie aber nicht beseitigen.

[vollständiger Artikel hier]

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“Exzellenz braucht Existenz”

“Exzellenz braucht Existenz”

Studie zur Befristung im Wissenschaftsbereich: ein Beitrag zur Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes

von Sebastian M. F. Raupach, Martina Lienhop, Andre Karch, Heike Raupach-Rosin und Karen M. Oltersdorf
(2014)

http://www.perspektive-statt-befristung.de/

Kurzzusammenfassung

Im Kontext der von mehr als 25.000 Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern unterstützten Petition ,,Perspektive statt Befristung” wurde eine bundesweite Umfrage mit rund 1.700 Teilnehmenden durchgeführt.
Themen der Umfrage sind die Folgen der Befristungssituation sowie die Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes.
Hintergrund ist der Mangel unbefristeter Beschaftigungsverhaltnisse auf dem wissenschaftlichen Arbeitsmarkt infolge hoher Befristungsanteile an Forschungseinrichtungen und Hochschulen (siehe Hintergrundinformationen im Anhang).
Die unsicheren Beschaftigungsverhaltnisse wirken sich nach Erfahrung der Teilnehmenden nicht nur auf das Leben der Forschenden und ihrer Familien ausgesprochen negativ aus, sondern auch auf die Qualität des Wissenschaftssystems. Sie fuhren zu einem systematischen Verlust von Forschungspotential und beeintrachtigen den Wissenschaftsstandort Deutschland nachhaltig. Damit gefährden sie den Erfolg der hohen Investitionen in Bildung und Forschung.
Die Teilnehmenden sprechen sich mit großer Mehrheit fur die Schaung von mehr unbefristeten Stellen im Mittelbau sowie fur geeignete Auswahlverfahren und mehr Transparenz bei Berufungen aus.
Nahezu einstimmig fordern sie von der Bundespolitik die Reform der gesetzlichen Befristungsregeln.

  • Mit großer Mehrheit sprechen sich die Teilnehmenden fur eine gesetzliche Begrenzung des Befristungsanteils an Forschungseinrichtungen und Hochschulen aus.
  • Ebenso deutlich fordern die Teilnehmenden die Streichung der personenbezogenen “12-Jahresregel”.
  • Die Einführung einer Mindestlaufzeit fur Vertrage, die befristet sind, wird mehrheitlich befürwortet, ist aber nicht gänzlich unumstritten.
  • Die Befürwortenden einer Mindestlaufzeit halten einen Zeitraum von drei Jahren fur angemessen.
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Traumjob Wissenschaft?

[aus: Blätter für deutsche und internationale Politik 11/2014, Seite 29-32]

Traumjob Wissenschaft?

von Andreas Keller

Zum großen Teil befristet“, „vielfältige Abhängigkeiten“ und „Sackgassen“ – was sich wie eine gewerkschaftliche Kritik der Beschäftigungsverhältnisse in der Wissenschaft liest, stammt tatsächlich aus den jüngsten „Empfehlungen zu Karrierezielen und -wegen an Universitäten“ des Wissenschaftsrates.[1] Mit dem Papier, das dieser im Juli vorlegte, ist die Reform der Personalstruktur in Hochschulen und der Forschung endlich auf der Agenda des offiziellen Beratungsgremiums von Bund und Ländern angekommen.

Dafür ist es auch höchste Zeit: Denn mittlerweile sind 90 Prozent der knapp 170 000 wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Hochschulen befristet beschäftigt, über die Hälfte dieser Zeitverträge hat eine Laufzeit von unter einem Jahr. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können promoviert und habilitiert sein, umfassende Erfahrungen in Forschung und Lehre nachgewiesen und über Jahre erfolgreich Drittmittel eingeworben haben: In Deutschland gelten sie, solange sie nicht den Sprung auf eine Professur geschafft haben, als „wissenschaftlicher Nachwuchs“. Ganz anders handhaben das vergleichbare Industrieländer wie Großbritannien, Frankreich oder die USA: Dort gibt es auch neben der Professur die Perspektive, auf Dauer Wissenschaft als Beruf auszuüben.

Die Gründe für die Misere sind vielfältig. Lange, steinige und vielfach in Sackgassen endende Karrierewege des „wissenschaftlichen Nachwuchses“ sind bereits in der Tradition der deutschen Ordinarienuniversität angelegt, der eine steile Hierarchie zwischen Lehrstuhlinhabern und allen anderen Wissenschaftlern zugrunde lag. Zusätzlich hat der allgemeine Trend zur Flexibilisierung und Deregulierung der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen auch in der Wissenschaft Spuren hinterlassen.

[…]

[weiter in Blätter für deutsche und internationale Politik 11/2014]

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Perspektive statt Befristung: Für mehr feste Arbeitsplätze im Wissenschaftsbereich

https://www.openpetition.de/petition/online/perspektive-statt-befristung-fuer-mehr-feste-arbeitsplaetze-im-wissenschaftsbereich

 

Sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Wanka, sehr geehrter Herr Minister Gabriel,

beenden Sie den Zustand der Massenbefristung im Wissenschaftsbereich.

Wir bitten Sie:
Treffen Sie Maßnahmen, die Zahl unbefristeter Beschäftigungsverhältnisse im Wissen-schaftsbereich deutlich zu erhöhen. Geben Sie den Wissenschaftsinstitutionen die Möglichkeit und den Auftrag, als verantwortliche Arbeitgeber zu agieren.

Setzen Sie sich für eine deutliche Begrenzung des Anteils befristeter Arbeitsverhältnisse in den Bereichen Wissenschaft und Technik ein. Insbesondere sind außer-hochschulische Forschungseinrichtungen nicht primär Ausbildungsstätten, sondern wesentlicher Teil des wissenschaftlichen Arbeitsmarktes.

Öffentliche Fördergelder sollen der thematischen Förderung dienen, nicht einer automatisierten Personalpolitik. Wechselnde Themen erfordern kein wechselndes Personal. Exzellenz erfordert keine Unsicherheit der Existenz.
Öffentliche Gelder und Gesetze sollen Arbeitsplätze schaffen, keine Befristungsblase.

[weiter auf openPetition.de]

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Wissen­schaftliches Hochschul­personal: nur wenige unbe­fris­tet in Voll­zeit tätig

[via Statistisches Bundesamt]

Immer weniger wissen­schaft­liches und künst­le­risches Per­sonal ist an deutschen Hoch­schulen unbe­fristet und in Voll­zeit ange­stellt: Von 337 100 Per­sonen traf dies im Jahr 2011 nur auf 58 600 Per­sonen beziehungs­weise 17 % zu. Vor zehn Jahren betrug der Anteil unbe­fristeter Vollzeit­be­schäftigter am wissen­schaft­lichen und künst­lerischen Per­sonal noch 27 %.

Insbesondere Frauen sind an Hoch­schulen selten unbefristet und in Voll­zeit beschäf­tigt: Nur 10 % der weib­lichen Ange­stell­ten übten 2011 eine unbe­fristete Voll­zeit­tätig­keit aus; bei den Männern waren es 21 %. Vor zehn Jahren lagen die Anteile bei beiden Geschlechtern mit 15 % (Frauen) beziehungs­weise 32 % (Männer) deutlich höher.

Je nach Personal­gruppe variiert der Anteil unbe­fristet Vollzeit­beschäftig­ter erheb­lich: Unter den Pro­fes­sorinnen und Profes­soren war er mit 78 % mit Abstand am höchs­ten, gefolgt von Lehr­kräften für besondere Auf­gaben (42 %). Von den wissen­schaft­lichen und künst­lerischen Mit­arbeiterinnen und Mit­arbeitern waren hin­gegen nur 13 % unbe­fristet und in Vollzeit angestellt.

Diese und viele weitere Informationen finden Sie in der Broschüre “Hochschulen auf einen Blick”.

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verdi: Tarifverhandlungen im Länderbereich – leere Worte, keine Angebote

[biwifo Report 1/2013]

Tarifverhandlungen im Länderbereich – leere Worte, keine Angebote

Dass es „Fehlentwicklungen“ bei der Befristungspraxis gäbe, räumt die Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) ein – sieht jedoch keine tariflichen Lösungsmöglichkeiten.

„Fehlentwicklungen“? Nein, es war politisch gewollt, Befristungsmöglichkeiten immer weiter auszudehnen! Sind Instrumente wie Wissenschaftszeitvertragsgesetz oder Teilzeit- und Befristungsgesetz erst einmal geschaffen, ohne dass es parallel reglementierende Verordnungen, Erlasse und Vereinbarungen der Tarifparteien gibt, darf sich niemand wundern, wenn die Instrumente „unlimited“ genutzt werden.

Dass Befristungen immer üblicher und immer kürzer werden, hat nicht nur herbe Konsequenzen für die Beschäftigten: Sie können ihr eigenes Leben nicht planen, weil Arbeitsort, Arbeitszeit und Einkommen kaum berechenbar sind. Die völlig ausgeuferte Befristungspraxis hat auch massive Folgen für die Einrichtungen und Dienststellen. Der enorme administrative Aufwand des Befristungsunwesens belastet die Etats der Institutionen. Das wird allerdings „bilanziell“ nicht abgebildet: Diskontinuitäten in der Stellenbesetzung und Aufgabenwahrnehmung verursachen Transaktionskosten, die in keinem Budget und in keiner Kosten- und Leistungsrechnung auftauchen.

Wir fordern:
– Ausschluss der sachgrundlosen Befristung,
– drastische Reduzierung und Quotierung der befristeten Arbeitsverhältnisse,
– deutlichen Ausbau der unbefristeten Stellen.

Petra Gerstenkorn
Mitglied des ver.di-Bundesvorstandes und Leiterin des Fachbereichs Bildung, Wissenschaft und Forschung

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Wissenschaftsorganisationen bekennen sich zu planbaren und verlässlichen Karriereperspektiven

Nichts begriffen… “Die Wissenschaftsorganisationen sprechen sich entschieden dafür aus, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz unverändert fortzuführen.” — Wissenschaft im Kapitalismus: der Mensch zählt nichts. Da klingt das folgende entschuldigende Bekenntnis doch nur wie Hohn: “Die Wissenschaftsorganisationen sind sich der Bedeutung des verantwortungsvollen Umgangs mit den Befristungsregelungen und der damit verbundenen besonderen Personalfürsorge bewusst.”

Homepage der Max-Planck-Gesellschaft <http://www.mpg.de/4697136/wissenschaftszeitvertragsgesetz>

Wissenschaftsorganisationen bekennen sich zu planbaren und verlässlichen Karriereperspektiven

13. Dezember 2011

Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen spricht sich entschieden für eine unveränderte Fortführung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) aus. Es sei zum unverzichtbaren Instrument geworden, um die hohe Qualität unseres wissenschaftlichen Personals zu sichern, so die Allianz. Gleichzeitig erkennen die Wissenschaftsorganisationen die große Bedeutung eines verantwortungsvollen Umgangs mit den Befristungsregelungen sowie der damit verbundenen besonderen Personalfürsorge an, heißt es in der Allianz-Stellungnahme anlässlich der Evaluation des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes.

Personelle Erneuerungsfähigkeit sichert das weltweit anerkannt hohe Niveau der deutschen Wissenschaft in ihren außeruniversitären Forschungsorganisationen und Hochschulen. Sie ist darüber hinaus eine wichtige Voraussetzung für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses nach der Qualifizierungsphase. Vor dem Erlass des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes standen den Forschungseinrichtungen und Hochschulen kaum wirkungsvolle und rechtssichere arbeitsrechtliche Grundlagen zur Gewährleistung der personellen Erneuerungsfähigkeit zur Verfügung. Stattdessen bestanden erhebliche rechtliche und damit planerische Unsicherheiten.

Mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz schuf der Bundestag 2007 eine wissenschaftsadäquate Grundlage zur Befristung von Arbeitsverhältnissen. Damit entstand auch deutlich mehr Planungssicherheit für die Hochschulen, die Forschungseinrichtungen und die in ihnen tätigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Besonders hervorzuheben sind die Rechtssicherheit der Drittmittelbefristung sowie die Einführung familienpolitischer Komponenten. Das
Wissenschaftszeitvertragsgesetz hat sich aus Sicht der Wissenschaftsorganisationen bewährt. Es ist zum unverzichtbaren Instrument geworden, um die hohe Qualität unseres wissenschaftlichen Personals zu sichern.

Kurze Befristungszeiten sind häufig auf die stetig steigenden Drittmittelfinanzierungen bei – insbesondere in den Hochschulen – stetig sinkender Grundfinanzierung und die entsprechenden haushalts- und zuwendungsrechtlichen Bestimmungen zurückzuführen. Hier gilt es sowohl die Grundfinanzierung wieder zu verbessern, als auch das Haushalts- bzw. Zuwendungsrecht mit dem Dienstrecht zu harmonisieren.

Die Wissenschaftsorganisationen sind sich der Bedeutung des verantwortungsvollen Umgangs mit den Befristungsregelungen und der damit verbundenen besonderen Personalfürsorge bewusst. Angesichts des zunehmenden internationalen Wettbewerbs um den wissenschaftlichen Nachwuchs und um die besten Köpfe sehen sich die Hochschulen und die außeruniversitären Forschungseinrichtungen in der Verantwortung, ihr Augenmerk auf die individuellen Karrierewege jüngerer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu richten und Personalentwicklung systematisch zu betreiben.Dies gilt für alle wissenschaftlichen Qualifizierungsstufen, in besonderer Weise aber für die Phase nach der Promotion, in der sich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für eine berufliche Zukunft innerhalb oder außerhalb der Wissenschaft entscheiden.

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GEW: „Schluss mit dem Befristungswahn!“

[PM vom 30.11.2011 http://wissenschaft.gew.de/GEW_Schluss_mit_dem_Befristungswahn.html]

GEW: „Schluss mit dem Befristungswahn!“

Bildungsgewerkschaft zu Zeitverträgen in der Wissenschaft

Berlin/Frankfurt a.M. – Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat den Bundestag aufgefordert, die ausufernde Befristungspraxis an Hochschulen und Forschungseinrichtungen einzudämmen. „Immer mehr Zeitverträge mit immer kürzeren Laufzeiten – das ist nicht nur unanständig gegenüber den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sondern gefährdet auch Kontinuität und Qualität von Forschung und Lehre. Die Arbeitgeber müssen verpflichtet werden, die Befristung von Arbeitsverhältnissen verantwortungsbewusst zu handhaben – Schluss mit dem Befristungswahn!“, erklärte das für Hochschule und Forschung verantwortliche GEW-Vorstandsmitglied Andreas Keller am Mittwoch in Berlin. Keller ist einer von sieben Sachverständigen, den der Bildungs- und Forschungsausschuss des Bundestages heute in einem öffentlichen Fachgespräch zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz anhört.

Alarmiert zeigte sich Keller über die Daten der neuen Hochschulpersonalstatistik, die das Statistische Bundesamt vergangenen Mittwoch veröffentlicht hatte. „Auf einen unbefristet beschäftigten wissenschaftlichen Angestellten kommen inzwischen acht Kolleginnen und Kollegen mit einem Zeitvertrag. Vor fünf Jahren lag das Verhältnis von unbefristet und befristet beschäftigten wissenschaftlichen Angestellten noch bei 1:4. Hinzu kommt: Über die Hälfte aller Zeitverträge laufen weniger als ein Jahr. Das zeigt: Die Hochschulen sind nicht in der Lage, verantwortungsbewusst mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz umzugehen. Deshalb muss der Gesetzgeber handeln“, sagte der GEW-Hochschulexperte.

Die Bildungsgewerkschaft fordert, Mindeststandards für Zeitverträge gesetzlich zu verankern. „Die Laufzeit der Verträge muss sich an der Länge der Projekte orientieren. Dauert ein Forschungsvorhaben drei Jahre, muss auch der Arbeitsvertrag über mindestens drei Jahre laufen“, schlug Keller vor. Er forderte den Bund außerdem auf, durch eine aktive Vergabepolitik für die Stabilisierung der Beschäftigung in der Wissenschaft zu sorgen. „Die Vergabe von Zuschüssen und Drittmitteln in der Wissenschaft muss an Auflagen geknüpft werden: Tarifverträge müssen eingehalten, ein Mindestanteil unbefristeter Beschäftigungsverhältnisse muss garantiert werden. Nur so werden die Hochschulen und Forschungseinrichtungen auf Dauer im Wettbewerb mit anderen Arbeitgebern qualifizierte Fachkräfte gewinnen und halten können“, sagte Keller.

Info: Für das öffentliche Fachgespräch zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz hat GEW-Experte Andreas Keller dem Bundestagsausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung eine schriftliche Stellungnahme vorgelegt, die Sie im Link unten finden.

GEW-Stellungnahme zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz

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Öffentliches Fachgespräch zur Evaluation des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes

[Bundestag PM vom 29.11.11]

Öffentliches Fachgespräch zur Evaluation des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes

Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung (Fachgespräch) – 29.11.2011

Berlin: (hib/TYH) Der Ausschuss für Bildung und Forschung beschäftigt sich mit dem Problem von befristeten Arbeitsverträgen im Wissenschaftssystem. Die Evaluation des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist Gegenstand eines öffentlichen Fachgesprächs des Ausschusses. Grundlage sind fünf Oppositionsanträge. Die Veranstaltung beginnt am Mittwoch, 30. November 2011, um 9.30 Uhr im Sitzungssaal E 700 (Paul-Löbe-Haus). Besucher können sich unter Angabe von Name, Vorname, Anschrift und Geburtsdatum beim Sekretariat des Ausschusses (Tel.: 030/227-32861, Fax: 030/227-36845 oder E-Mail:bildungundforschung@bundestag.de anmelden.

Die SPD-Fraktion spricht sich in ihrem Antrag (17/6336) für eine Personaloffensive für die Hochschulen aus. Diese soll unter anderem 2.500 zusätzliche Professuren bis 2020 und 1.000 zusätzliche Juniorprofessuren bis 2015 beinhalten, außerdem die Steigerung des Frauenanteils in den Führungsgremien der Hochschulen auf mindestens 30 Prozent bis 2015 und 40 Prozent bis 2020.

Nach dem Willen der Fraktion Die Linke sollen befristete Arbeitsverträge eingedämmt werden. Die zunehmende Befristung und Verkürzung der Arbeitsverträge an Hochschulen und wissenschaftlichen Instituten führe zu einer Prekarisierung der Beschäftigungsverhältnisse in der deutschen Wissenschaftslandschaft, schreibt sie in einem Antrag (17/6488). 2009 waren nach Angaben der Fraktion 83 Prozent der hauptberuflich angestellten Wissenschaftler befristet beschäftigt; mehr als die Hälfte dieser Verträge läuft demnach weniger als ein Jahr. Sie fordern deshalb, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz zu überarbeiten. Dort soll unter anderem eine Mindestvertragslaufzeit für wissenschaftliche Mitarbeiter von einem Jahr festgelegt werden. Darüber hinaus verlangt die Fraktion, die Vertragslaufzeiten an die Dauer der Qualifizierungsphase beziehungsweise bei Drittmittelfinanzierung an die Förderdauer der Projekte zu binden. Auch in ihrem zweiten Antrag fordern die Abgeordneten (17/4423), die Wissenschaft als Beruf attraktiver zu gestalten und die Prekarisierung des akademischen Mittelbaus zu beenden.

Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen fordert einen „Pakt für den wissenschaftlichen Nachwuchs und zukunftsfähige Personalstrukturen an den Hochschulen“. Dieser solle in verbindlichen Schritten zusätzliche Professuren einrichten, fordern die Abgeordneten in einem entsprechenden Antrag (17/4203). Schon für 2008 habe der Wissenschaftsrat einen Fehlbedarf von deutschlandweit 4.000 Professuren errechnet. „Die Personalstrukturen an den deutschen Hochschulen müssen international wettbewerbsfähig werden“, betonen die Abgeordneten. In einem zweiten Antrag (17/7773) setzen sie sich außerdem für die Aufhebung der Tarifsperre im Wissenschaftszeitvertragsgesetz ein. Im Rahmen der Überprüfung und Revision des 2007 in Kraft getretenen Wissenschaftszeitvertragsgesetzes müsse sich die Bundesregierung zudem auch dafür einsetzen, dass die Befristungen der Arbeitsverträge eine Laufzeit von zwei Jahren nicht unterschreiten.

Zum Gespräch eingeladen sind Anke Burkhardt vom Institut für Hochschulforschung an der Universität Halle-Wittenberg, Georg Jongmanns vom Hochschul-Informations-System, Andreas Keller, GEW-Hauptvorstand, Professor Karl Ulrich Mayer von der Leibniz-Gemeinschaft, Professor Ursula Nelles von der Universität Münster, Professor Ulrich Preis von der Universität Köln und Manfred Scheifele vom Gesamtbetriebsrat Fraunhofer-Gesellschaft.

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